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Massum Faryar 

Buchpremiere 27. Mai 19.30 Uhr Salon KMB Karl-Marx-Allee 78, Berlin. Hier

Massum Faryar in Leipzig (Foto: Klaus Servene)

 

1959 in Herat geboren, legte Massum Faryar in Afghanistan sein Abitur ab und kam 1982 nach Deutschland, wo er in München Germanistik studierte. Er lebt in Berlin, wo er als Übersetzer und Autor tätig ist. Im Jahr 2005 promovierte Faryar an der Freien Universität Berlin mit der Arbeit Fenster zur Zeitgeschichte: eine monographische Studie zu Ota Filip und seinem Werk

Beim Internationalen Literaturwettbewerb "grenzen.überschreiten" erhielt Massum Faryar für seinen Beitrag Der Rucksack 2008 eine Sonderauszeichnung des Vereins KulturQuer-QuerKultur. Als „beklemmend aktuell, erzählerisch versiert und für einen breiten Leserkreis spannend und zugleich informativ“ würdigte die Jury seine Erzählung. 

Der Autor erhielt mehrere Stipendien für seine literarische Arbeit, z.B. das Alfred-Döblin-Stipendium.

Massum Faryar (Foto: Klaus Servene)

"Meine Liebe zur Literatur und Poesie habe ich bereits als Kind entdeckt. Bereits in meiner Schulzeit habe ich sowohl Gedichte als auch Kurzgeschichten im literarischen Magazin Herat und in der Herater Tageszeitung veröffentlicht. In den 80er und 90er Jahren habe ich auf Persisch geschrieben und in den afghanischen Exilblättern veröffentlicht. Es waren vor allem Gedichte, politische Essays, literaturkritische Texte,  Übersetzungen deutscher Kurzgeschichten und Drehbücher. Es handelt sich also bei mir um einen Wechsel der Sprache von Dari ins Deutsche, und nicht um literarischen Neubeginn, wie manchmal geschrieben wurde. Eins ist allerdings wahr: Buzkashi ist mein erster Roman, den ich schreibe."

Massum Faryar (März 2010)

Bibliographie (Auswahl):

  • Fenster zur Zeitgeschichte: eine monographische Studie zu Ota Filip und seinem Werk, 2005
  • Der Rucksack in: grenzen.überschreiten - ein europa-lesebuch, Mannheim 2008

Zsuzsa Bánk, Massum Faryar, Jürgen Nielsen-Sikora (Foto: Albert Lee)

 

 

Wikipedia Eintrag Hier 

 

 

 

 

 

 

 

Porträt: Ralf Günther über Massum Faryar

 (Aus: Europabrevier 1, Erstausgabe, Andiamo 2011) 

Erzähler besitzen das Talent, auch komplexe Zusammenhänge so zu schildern, dass jeder sie verstehen kann. Die Erzählkunst bietet dazu ein umfangreiches Instrumentarium: Parabeln, Metaphern, Symbolik, Dramaturgie, Figuren und vieles andere mehr. Vor der Erfindung der rationalen Wissenschaften boten Erzählungen die einzigen stringenten, jedermann einleuchtenden Welterklärungen. Verpackt in eine Geschichte lassen sich die Geburt des Kosmos, die Entstehung der Menschheit, das Sesshaftwerden von Nomaden, Aufstieg und Niedergang von Weltreichen, Bruderkriege und Stammesfehden, Inzest und Kannibalismus - beinahe alles anschaulich und verständlich machen. Drastischste Handlungen wie z. B. ein Vatermord werden nachvollziehbar, sobald man sie in eine stringente Erzählung mit einem glaubwürdigen Protagonisten verpackt. Die Bibel, das Mahabharata, der Koran, die antiken Göttersagen, die Ilias, das Nibelungenlied (die Liste ließe sich fortführen - einmal rund um den Globus), dies alles sind nicht nur Geschichten, Legenden oder Mythen. Sie formen die Welt (oder nur einen Ausschnitt) mit den Mitteln des Erzählens zu einem sinnhaften Ganzen. In der klassischen Erzählung gibt es nichts, das keinen Sinn im Gesamtkontext ergibt. Alles gehört dazu. Welch tröstliche Wirkung auf Menschen, die ins Chaos des Universums geworfen sind!

Sein Talent gepaart mit diesem Instrumentarium verleiht dem Erzähler Macht. Er schenkt uns die Illusion, die Welt zu verstehen, oder sie zumindest mental im Griff zu haben. (Die literarische Moderne verschmäht gelegentlich diese Mittel. Doch die Stärke der klassischen Erzählkunst kennt sie gleichwohl und kann nicht immer der Versuchung widerstehen, sie zu nutzen.)

Wie gern hätten wir das Gefühl - oder wenigstens die Illusion -, die Gemengelage in Afghanistan halbwegs unter Kontrolle zu haben. Wie gern würden wir begreifen, was Menschen dazu bringt, einer radikalen Sekte mehr Vertrauen zu schenken als der Kraft der westlichen Aufklärung und der Ordnung eines parlamentarischen Systems. Wie gern würden wir durchschauen, warum man ein Unrechtssystem wie die Korruption, das der übergroßen Mehrheit nachteilig ist, nicht rechtsstaatlich durchbrechen kann. Menschen aus unserer Mitte - Verwandte oder Freunde - sterben in einem Krieg für eine Gesellschaft, die wir nicht verstehen.

Massum Faryar (...) arbeitet an einer großen Erzählung, die uns sein Land näherbringen, vielleicht sogar erklären kann. Buzkashi heißt sie, und dieser Titel ist schon erzählerischer Kunstgriff. Buzkashi ist der Name des afghanischen Nationalsports. Junge Männer kämpfen zu Pferde um einen Ziegenkadaver.

Wer den Balg zuletzt erobert und in einen Kreidekreis wirft (der von den anderen freilich erbittert verteidigt wird) ist Sieger. Ein besseres Sinnbild für das Dilemma Afghanistans ist kaum denkbar: Es geht allein um die Demonstration von Verwegenheit und Stärke, um irrationales Geprotze. Das, worum gekämpft wird, ist wertlos. Der Ziegenkadaver ist ein sinnfälliges Symbol dafür, dass den Rivalen um die Macht der Zustand ihres Landes vollkommen gleichgültig ist. Das Land ist schon tot. Eine endlose Folge mehr oder weniger offener Machtkämpfe hat es getötet. Es geht nur noch darum, wer den Kadaver zuletzt in den Händen hält. Der Vater des Erzählers wird Buzkashi-Sieger - eine Schilderung des Kampfes ist eine der Schlüsselszenen des Romans.

Afghanistan liegt im Nahen Osten, in der Weltgegend, die man früher als »den Orient« bezeichnete. In dieser Bezeichnung klingt die ganze Faszination dieses Erdteils mit. Klingt auch das mit, was jedem von uns diese fremde Nachbarschaft ganz nahe gebracht hat: Märchen. Wer ist nicht mit Ali Baba aufgewachsen, der die vierzig Räuber so unglaublich brutal überwindet? Oder mit der Wunderlampe des Aladin, mit Dschinns und Derwischen? Nicht zuletzt unsere große religiöse Erzählung - die Bibel - ist eine durch und durch orientalische. Wer das Alte Testament gelesen hat, weiß, was Stammesfehden sind.

Diese Erzähltradition durchzieht Massum Faryars Manuskript wie die goldenen Fäden das Gewebe eines fliegenden Teppichs. Seine Figuren sind märchenhaft und realistisch zugleich. Von der Prüderie des modernen Orients ist er himmelweit entfernt. Pubertierende Jünglinge im Frauen-Hamam (Jungen dürfen grundsätzlich ihre Mütter ins Frauenbad begleiten) werden zum Problem. Massum Faryar erzählt das nicht nur freimütig aus, sondern macht eine berührende, humorvolle Szene daraus.

Die rationale Abgeklärtheit des Westens macht sich Massum Faryar zunutze. Er kämpft mit der deutschen Sprache, nennt sie »die Löwin, die ich gezähmt habe«, um dann auf den Schwingen der Erzählung doch wieder in die Heimat zu entfliehen. Immer noch wundert er sich über die strenge Hierarchie, die in der deutschen Sprache herrscht: Das Subjekt regiert den Satz. »Das ist bei uns anders«, erklärt Faryar. »Bei uns kann man alle Satzglieder austauschen und es bleibt trotzdem dieselbe Aussage.« Wie kann man Hoffnung haben, dieses Land mit Gewalt in westliche Systeme zu pressen, wenn nicht einmal die Sprache Herrschaft zulässt?

(...) Buzkashi ist ein Lebenswerk, daran besteht kein Zweifel. Und das Ende ist in Sicht. Wenn es vollendet ist, kann es ein weiterer Zauberschlüssel sein, uns die Pforte zu einer Welt aufschließen, die wir bisher nur von außen kennen. (...) Das Interesse ist bereits jetzt groß, man darf mit ziemlicher Sicherheit erwarten, dass Buzkashi die Öffentlichkeit erreicht. Wenn nicht, wäre eine große Chance vertan. 


 

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